|
Noch
einmal für Antigone
Was an Antigone
könnte mehr verwirren als die Tiefe ihrer Wut, die
zugleich ein Akt der Liebe und des Wahnsinns ist? Wer, wenn man
zurückblickt auf die Jahrhunderte, wird sich ihrer monströsen
Ungeduld entzogen haben, wem könnte Antigone gleichgültig
gewesen sein?
Was an Antigone
bezaubert, lange bevor sie der feministische Diskurs für
sich erschlieszt, ist, dass sie ein Mädchen ist.
Ein Mädchen?
Was ist das -"ein Mädchen", und was bedeutet es
für das ontologische Subjekt?
Antigone ist ungeheuerlich jung, sie ist ein Kind, dessen Spielleicht
und entschieden, grausam und unschuldig, waghalsig und spielerisch
ineinem ist. Indem es die Anweisungen und Ratschläge seiner
Umgebung zurückweist, weigert sich das Mädchen ein anderes
als sein Spiel zu spielen. Nichts wird es daran hindern, nach
eigenen Regeln zu spielen.
Nicht einmal die Drohungen Kreons und die Gewiszheit, dasz ihr
Eigensinn auf den Tod hinausläuft, der van Anfang an unvermeidlich
ist. Es reicht nicht auch van einem männlichen Phantasma
zu sprechen, die Phantasie, die man männlich nennt, dafür
anzuklagen und verantwortlich zu machen, dass Antigone sterben
muss.
Die Figur einer Spielerin, die mit dem höchsten Einsatz spielt,
produziert das Bild einer Würde, der im ontologischen Register
nur der Tod entspricht.
Es gibt Würde nur im Verhältnis
zum Tod, zur absoluten Grenze, die die Durchsichtigkeit des ökonomischen
Kalküls verdunkelt, indem sie das Gesetz des Tages unterbricht.
Antigone repräsentiert den Leerlauf der Ökonomien. Sie
tritt als Widerstand auf, indem sie sich mil dem Tod verschwistert.
Sie befindet sich ausserhalb der Ordnung, jenseits ader diesseits
der sozialen, politischen und ästhetischen Norm. Das ist
auch der Grund ihrer Schönheit und Anmut, auf die Lacan
so inständig verweist. Sie ist schön im Aussmass ihrer
Einzigartigkeit, besticht durch die Seltenheit ihrer Würde,
indem sie sich der (eigenen) Normalisierung, d.h.der reduktionistischen
Normalisierung des Eigenen, widersetzt.
Anstatt Vor- und Nachteile
ihres Handelns zu bedenken, handelt das Mädchen in einer
Bewegung des Wahnsinns. der mania, einer durch nichts zu
hemmenden Wut.
Antigone gerät ausser Kontrolle. verliert alle Hemmungen,
kontrolliert sich nicht, in dem, was sie tut.
Sie berührt die Grenze des eigenen Vermögens, was zum
Kollaps .der theoretischen Erwägung führt.
Man kann sich vorstellen, wie wenig komfortabel diese Art zu handeln
und zu leben ist. Was an Antigone verführt und überzeugt,
ist ihre Rasanz und die Rücksichtslosigkeit (sich selbst
und anderen gegenüber). diese Art van Amoklauf, der den "Dienst
an den Gütern". "privaten Gütern, Familiengütern,
Gütern des Hauses, anderen Gütern, die uns angehen,
Gütern des Metiers, des Berufes, der Stadt" 1),
der gesellschaftlichen Anerkennung und des praktischen Vernunftgebrauchs
unterläuft. Ihr Hyperbolismus entzieht sie der moralischen
Verwertung, indem er das System der sozialen und politische Kredite
überzieht, sich ins Unendliche verschuldet, um sie nicht
Teil dieses Systems der Rentabilität und Konsolidierung werden
zu lassen. Es ist eine schuld jenseits der Schuld mit der Antigone
zu kämpfen hat, jenseits dessen, was das System als Schuld
ausgibt im Geschitsgang des christlichen Subjekts.
Hier
begint het sprookje van de individuele mens
Eines Subjekts, das sich seine Unschuld zurückerobert und
sich als rebellische Grösse konstituiert. Je nach Blickwinkel
und Perspektive wird man das Subjekt terroristisch, gewaltsam
und verantwortungslos nennen. Alles, was handelt, denkt sich zu
einem gewissen Zeitpunkt so.
Alles, was sich weigert, sich in das Register etablierter Werte
einzutragen, macht sich unbeliebt, bekommt den Widerstand der
sozio-politischen Mächte zu spüren. Die Alternative
läge in der befremdlichen Objektivierung, die dem Einzelnen
nicht mehr als die Passivität des Funktionärs, eines,
wenn man so will, Beamten der aktuellen Ordnung zumutel Wir nennen
das die Entschärfung des Subjekts.
Lacan spricht in diesem Zusammenhang van Amputation:
"Die Bewegung, in die die Welt, in der wir Ieben, hineingeraten
ist, und in der die universelle Ausrichtung des Dienstes an den
Gütern bis in ihre letzten Konsequenzen vorangetrieben wird,
impliziert eine Amputierung, Opfer, das heiszt diesen puritanischen
Stil im Verhältnis zum Begehren, der historisch sich festgesetzt
hat.
Die Ausrichtung des Dienstes an den Gütern auf universaler
Ebene löst gleichwohl nicht das Problem des gegenwärtigen
Verhältnisses, das, in dem kurzen Zeitraum zwischen Geburt
und Tod, ein jeder Mensch zu seinem eigenen Begehren hat -es geht
nicht um das Glück künftiger Generationen." Auf
der Höhe des Kapitals zu denken (wir nennen das "Kapital",
in erster Abstraktion, das Gesetz dieser Ausrichtung), wie es
der Appell Badious an die Philosophen der konstitutiven Ohnmacht
und des Heiligen ist, bedeutet sich dieser "Ausrichtung des
Dienstes an den Gütern auf universa Ier Ebene" zu stellen,
sich weder der Diagnose noch der Frage nach ihren Konsequenzen
für den künftigen und überlieferten Status des
Subjekts zu entziehen, ohne, was eine Forderung der Genauigkeit
wäre, das zu einfache Schema einer Subjektivität jenseits
des Kapitals zu gebrauchen, d.h. ohne die Verwandschaft des Subjekts
noch in seiner rudimentärsten Gestalt mit dem Kapital als
dem Prinzip des Kopfes (caput) 2), der Führung, der
Vorausschau, der spekulativen Antizipation und versichernden Begründung
zu ignorieren:
"Die Philosophia hat bis vor kurzem kaum auf der Höhe
des Kapitals zu denken vermocht, da sie bis ins Innerste ihrer
selbst den vergeblichen Sehnsüchten nach dem Heiligen, dem
Spuk der Präsenz, dër dunklen Macht der Dichtung und
dem Zweifel über ihre eigene Legitimität Raum liesz.
Sie konnte die Tatsache nicht in Denken verwandeln, dasz
der Mensch unwiederrufbar 'Gebieter und Eigner der Natur'
geworden ist, und daB es sich dabei weder um einen Verlust noch
um sin Vergessen handelt, sondern um seine höchste Bestimmung
-wenn auch noch in der undurchsichtigen Beschränktheit der
verrechneten Zeit gestaltel Die Philosophie hat die 'cartesianische
Meditation' unvollendet gelassen, indem sie sich in der Ästhetisierung
des Wol lens und im Pathos des Endes, dem des Schicksals des Vergessens
und dem der verlorenen Spur verirrt." 3)
Kapitalistisch
denken
Was aber, wenn das Denken des Kapitals sich
als Denken der verlorenen Spur behaupten
musz, wenn also eine universelle abstrakte Maschine denken, das
Denken dessen verlangt, was sich dieser Maschine widersetzt, ohne
unberührt van ihrer Arbeit, van ihren Ergebnisses und deren
historischer Effizienz zu sein?
Das Mädchen, das Antigone heisst, répräsentiert
es etwas anderes als diese Nichtrepräsentanz im System der
etablierten Güter, das die Maschine der akkumulativen Sinnsteigerung,
des Fortschritts, der Qualität und profitablen Investitionen
ist? Auf der Höhe des Kapitals denken, bedeutet Antigone
zu denken, als dessen unsichtbare Wahrheit und konstitutiver Taumei,
der in der (selbst unbegründeten) Unterstellung einer begründeten
Absicht, eines eschato- ontologischen Zielpunkts und kollektiven
Bedürfnisses besteht. Antigone "repräsentiert"
als Ausgeschlossene, was Bataille das Nicht-Repräsentierbare
ader Heterogene nennt, eine "Gewalt, die nicht im Ökonomischen,
überhaupt nicht in Bereichen der kalkulierenden Vernunft
verwurzelt isr', wie Habermas sagt. Es ist der unsichtbare
Abgrund des Subjekts, es konstituiert die Dimension der Subjektivität
und des Grundes, ohne ihr als einfaches Element angehören
zu können.
Antigone steht abseits, wenn auch nicht jenseits des Kapitals.
Auf dieses Mädchen zu zeigen, bedeutet die Natur des Subjekts
zu respektieren. Es bedeutet, was Lacan von der psychoanalytischen
Therapeutik erwartet, den Versprechungen des Kapitals, der VerheiBung
des Glücks, der Harmonie und ontologischen Integrität
zu widerstehen: "Es gibt nicht den geringsten Grund dafür,
dasz wir uns zu Garanten des Bürgertraums machen. Ein wenig
mehr Strenge und Festigkeit ist schon erforderlich, wenn wir der
conditio humana die Stirn bieten
wollen, [...] Ich stelle die Frage -musz das Ende der Analyse,
das wahrhafte Ende, ich meine das, das darauf vorbereitet, Analytiker
zu werden, nicht den, der sich ihr unterzieht, mit der Realität
der conditio humana konfrontieren?" 5)
Staat
het jonge meisje Antigone voor een hele groep jonge meisjes?
Was ist das: ein junges Mädchen,
eine Gruppe junger Mädchen? 6)
-und: was bedeutet das Mädchen im Verhältnis
zum ontologischen Subjekt?
Es scheint, als gäbe es so etwas wie die Ordnung junger Mädchen.
Wenn es so ist, dann gibt es hier, wie in jeder anderen AIIgemeinheit
den Punkt der "konstitutiven 'Ausnahme"', ein Mädchen
jenseits der Ordnung, den Exzess des AIIgemeinen in der Singularität
eines
Mädchens ohne "Wir'. Dieses einsamste aller Mädchen
markiert den in der Ordnung der Allgemeinheit nichtrepräsentierten
blinden Fleck; ein "Element, das innerhalb des Feldes dieser
Allgemeinheit das AuBen-vertritf', den "für dieses Feld
konstitutiven Punkt des Auschlusses." 7)
Es ist, in dem Ausmasz in dem es das Mädchen
als solches ist, kein Mädchen mehr. Es behauptet die Wahrheit
einer Ordnung oder Familie, indem es auch ihr heraustritt, sie
überschreitet, um sich im Abseits dieser Ordnung und im Schatten
ieder anderen Allgemeinheit mit sich, mit der absoluten Singularität
seiner selbst, zu konfrontieren.
Het
meisje is niet het onderwerp, het is de waarheid ervan
Das Mädchen ist an sich schon Überschreitung. seine
Existenz ein tollwütiger Einwand, Präsenz jenseits des
Erwarteten, beschleunigter Widerstand gegen die Allgemeinheit
"des Systems". Ein "übertrieben junges"
Mädchen, wie Blanchot einmal sagt 8)
das die Grenze zum Erwachsen werden überschritten und hinter
sich gelassen hat. Unberührt vam Erwachsensein, sofern es
die Wahrheit des (erwachsenen) Subjekts selbst ist. Eine "Form,
die selbst ausserhalb der Form liegt, 9)
(das Mädchen ist nicht Subjekt, es ist seine Wahrheit), Struktur
jenseits der strukturalen Ordnung, ursprünglicher Exzess.
Wir finden es im f/iegenden Wechsel bedrohlicher Zustände.
Zwischen Überhitzung und kaltem Fieber, schei nt es ei ne
gewisse Leichtigkeit zu erreichen. Man könnte vam Kollaps
der korporalen Akte, vam Zerfall der Ökonomie des Körpers
sprechen. Es bedarf einer neuen Ethik (der Immanenz) um die Signale
und Emissionen, die ein sich auflösender Körper im Moment
der Verletzung und Neukonstitution freisetzt (Schreie, Seufzer,
Tränen usw.) zu ordnen, um ihren Sinn für die Frage
nach der Verantwortung des Subjekts gegenüber sich selbst
als Nicht- Subjekt (Singularität, Haecceitas) zu definieren,
d.h. um die ethische Frage auf die Permanenz eines verschwindenden
Körpers zu beziehen.
Das Mädchen
findet in der einfachen und befremdlichen Präsenz eines zweiten
nahezu schwebenden Körpers die Genugtuung, die ihm das symbolische
System ursprünglich verweigert hat. Es kommt sich leicht
und überflüssig vor. Es repräsentiert nichts als
diesen Überfluss, der der Ordnung der Vollzähligkeit
ein Dorn im Auge ist. Seine Überzähligkeit kann triumphale
Züge nehmen, 10)
Im Augenblick dieser grundsätzlichen Überschreitung
des ökonomischen Kalküls nimmt es eine Stelle zwischen
Aktivität und Passivität, Autonomie und Heteronomie
ein. Es geniesst seine Sinnlosigkeit und erfährt diesen
sinnlos beschleunigten zweiten Körper als sein Leben,
indem es auf ihm wie auf einem fremden Instrument zu spielen und
zu proben beginnt. Es verlangsamt sich, um sich atmen zu hören
(Iebt es noch, lebt es überhaupt?). Dann beschleunigt es
seine Atmung um sich dem Exzess der Schwerelosigkeit zuzuwenden.
Sein Körper kommt ihm leer und unmäszig vor. Eine Serie
ungeahnter Möglichkeiten scheint sich hinter jeder Regung
der Glieder zu verbergen, die Chance eines neuen Verhältnisses
zum Schrecklichen, zur absoluten Unbegreiflichkeit des Nichts.
Man kann dieses Nichts und seine Erfahrung mit der Erfahrung des
Todes gleichsetzen, einer streng genommen unmöglichen Erfahrung
(des Unmöglichen). Der Tod hat für das Subjekt des Todes
keine Realität. Er ist realer als die Realität:das Reale
der Realität selbst. Mit seinem Eintreten zerfällt die
Realität des Subjekts zu Nichts. Der Tod, sofern er real
ist, unterbricht die Realität als solche. Er ist die äuszerste
Spitze des Realitätssystems, indem er sich diesem System
per definitionem entzieht.
Man denke an die Szene, in der J. (aus Blanchots L 'arrét
de mort) die sie betreuende Krankenschwester mit dieser Unbegreiflichkeit
konfrontiert: ,,'Haben Sie den Tod schon gesehen?'- 'Ich habe
tote Menschen gesehen, Mademoiselle.'- 'Nein, den Tod!' Die Krankenschwester
machte eïne Geste des Verneinens. 'Na, dann werden Sie ihn
bald sehen.'" 11)
Diese Konfrontation, der Affront des Todes, wie man sagen musz,
nimmt hier die Figur der Ankündigung. Der Tod wird zum Gegenstand
einer Botschaft (wenn auch keiner notwendig frohen Botschaft).
Die Krankheit und die Erfahrungen, die sich mit ihr verbinden,
machen aug J. eine Art Engel. Was sie sagt, wird zur Prophezeiung
des Schrecklichen, dem sie sich selbst kaum entzieht. J., deren
Jugend und Schönheit unvergleichich sind, umkreist den Abgrund
dieses Realen, ohne (zumindest für einen gewissen Zeitraum)
von ihm angetastet ader gar ruiniert zu werden. Eine fabulöse
Unangreifbarkeit lässt sie noch im Augenblick des gröBten
Leidens schön und würdevoll erscheinen: "die
ganze wirre und fletschende Heftigkeit, über der sie hätte
hässlich werden sollen, - vermochten nichts gegen den durchwegs
schönen und jugendlichen Ausdruck, der ihr Gesicht erhellte."
12)
Als stünde ihr ein anderer unsterblicher Körper zur
Verfügung, der dem Schock des Realen widersteht. Der Augenblick
ihrer Schutzlosigkeit ist zugleich Moment besonderer Schönheit
und Würde, absoluter Freiheit und Souveränität.
Wie wenig hätte man begriffen, wenn man diese Widerständigkeit
mit schlichter Passivität gleichsetzte, als beugte sich das
Mädchen irgendeinem ihm unbekannten und schädlichen
Gesetz. Seine hitzige Erschrockenheit, die Empörung über
die Sinnlosigkeit eines ritualisierten Alltags und die andauernde
Unruhe verbinden sich zu einer ungewöhnlichen Souveränität
der Behauptung, in der sich die Zartheit seines Wesens mit der
Stärke einer elementaren Verweigerung versöhnt: "
Es gibt nichts Bedeutenderes als eine solche Souveränität,
die Verweigerung ist, und als diese Verweigerung, die [...] auch
verschwenderischste Bejahung ist, die Gabe [...], das, was ohne
Mäszigung und ohne Rechtfertigung entbindet, das Ungerechtfertigte,
von dem aus Gerechtigkeit begründet werden kann."
13)
J. scheint über eine Art von Wissen zu verfügen, das
sich der Ordnung des Wissbaren entzleht. Ihre Einsamkeit Insistiert
zwischen dem Abgrund des einmal Gesehenen und der Vulgarftät
des Sichtbaren, dem sie permanent misstraut (Man musz sich die
Naivität und Unzulänglichkeit ihres Arztes und ihrer
KrankensChwester, sowie der gesamten Verwandschaft in Erinnerung
rufen, um das Ausmasz ihrer Verlassenheit zu vergegenwärtigen.
-"Eine lügnerische und lächelnde Meute (Eltern
und Ärzte) kreist um die Irrengrube des Gartens der Kindheit'14).
Man erhält den Eindruck einer intakten zerstörerischen
Angst. Das junge Mädchen realisiert eine doppelte Fluchtbewegung:
Es flieht das System der sozialen Evidenzen und Diktate, das System
der Eltern, der Kindheit und der Schuld, ohne sich in der Einsamkeit
dieser
Fluchtbewegung einzumauern. Es begehrt einen Anderen, ei ne Art
Zeugen ader Gefährten, der mit ihr der Vereinnahmung durch
die "Sozialmaschine" widersteht.
Eenzaamheid
Nichts kann die Einsamkeit unterbrechen als der seltene und nahezu
unmenschliche Akt der Zeugenschaft, zu dem die wenigsten Freunde
ader Menschen überhaupt fähig sind.
Das Mädchen, das eine in sich übertriebene Leidenschaft
kontrolliert (es kontrolliert diese Leidenschaft und wird van
ihr kontrolliert) und dessen Sonderbarkeit ebenso beeindruckend
wie beängstigend ist, verlangt aus seiner Singularität
auszubrechen urn sie als solche zu bestehen. Es wiederholt das
Unwiederholbare seiner Einzigartigkeit im anderen, indem es ein
Minimum an Normalität begehrt (Normalität beginnt und
endet in dem Augenblick, in dem es mindestens zwei gibt, den anderen
als Grenze und als Unterbrechung der Grenze van Singularität),
urn für einen scheuen Moment der Hingabe sein Schicksal in
der Intimität des Liebesakts geteilt, wiederholt und bezeugt
zu sehen. Es will sich im Blick und in der Sprache und in der
Zuneigung ei nes Anderen verlängern. Es zerstört seine
Einmaligkeit, verschwindet für diesen Augenblick der Verdoppelung
im Anderen, urn nichts als sein Abbild zu sein. Es verlangt nach
einer Pause, nach einer minimalen Verlangsamung der hyperbolischen
Rhythmik, die es quält. Urn atmen ader aufatmen zu können,
urn Luft zu holen und den Sinn seiner Überstürzung zu
fixieren, begehrt es eine Art van Versöhnung mit sich, während
es sich dieser "riesigen und bedrückenden Maschine"
15) widersetzt, die die Gesellschaft als
ontologische Gemeinschaft des Kapitals, des transzendentalen Wir,
der symbolischen Rituale und moralischen Handlungsanweisungen
dekliniert.
Urn im Strom seiner Singularität nicht ertrinken zu müssen,
begehrt es eine gewisse Linderung dieser schwerwiegenden Unruhe,
die es an sich erfährt. Gleichzeitig weigert es sich eine
Position jenseits der elementaren Nervosität einzunehmen,
die die Leidenschaft zur Störung des Systems (der Maschine
und ihres "gefräszigen Laufs" 16)
und der van ihm ausgegebenen Optionen ist Denn damit "eine
Entscheidung eine Entscheidung ist, muB sie das programm unterbrechen
ader mit ihm brechen, sie muB mit der einfachen Entwicklung ader
Entfaltung einer Möglichkeit brechen. Darum ist eine Entscheidung
das Unmögliche." 17)
Die ästhetisch-ethische Position des jungen Mädchens
streift das Unmögliche ohne es sich anzueignen, ohne das
Unmögliche zu neutralisieren, Das Unmögliche ist der
Name dessen, was sich nicht aneignen, internalisieren ader repräsentieren
lässt (zumindest nicht ohne einen wesentlichen Verlust).
Die lacanianische Behauptung, "dass Kunst als solche sich
immer urn die zentrale LeerstelIe des unmöglichen-realen
Dinges organisiere' 18), impliziert den
ideologiekritischen Auftrag sich möglichst dicht
an das Unmögliche zu wagen, dem Realen für den Moment
einer nichtmeszbaren Spanne gewissermaszen in die Augen zu sehen.
Der Augenblick dieser Begegnung ist notwendig erschütternd
und revolutionär. "Eine Gesellschaft, die die
Stufe der Überhitzung erreicht hat, fällt nicht zwangsläufig
in sich zusammen, sondern erweist sich als auszerstande, einen
Sinn zu produzieren, da ihre gesamte Energie van der informativen
Beschreibung ihrer Zufallsvariationen in Anspruch genommen wird.
Dennoch ist jedes Individuum in der Lage, in sich selbst eine
Art kalte Revolution zu verursachen, indem es einen Augenblick
die Flut informativer Werbung an sich vorbeiziehen lässt.
Das ist sehr leicht zu bewerkstelligen. Es ist sogar noch nie
so einfach wie heute gewesen, der Welt gegenüber eine ästhetische
Haltung einzunehmen: es reicht aus, einen Schritt zur Seite
zu treten." 19)
Het
meisje komt er tussen terwijl ze een stapje opzij doet
Es tritt zur
Seite, es geht nicht aus dem Weg. Es lässt die Maschine (die
Gesellschafts-, Gewissens- und Schuldmaschine) für einen
Moment still stehen, verweigert sich ihr. Nicht um selbst stillzuhalten
und für sich zu sein, sich zurückzuziehen, den
Kreis des symbolischen Kapitals einfach und unumkehrbar auf die
absolute Einsamkeit hin zu überschreiten, sondern um mit
erhöhter Geschwindigkeit, einem Tempo, das zwangsläufig
vereinsamt, an den Ort dieser Überschreitung und seiner Verleugnung
zurückzukehren. Das Mädchen interveniert, indem es sich
(seine Stimme, seinen Atem, seine Entschlossenheit) gegen den
Takt der Maschine beschleunigt, ihren Herzschlag kreuzt, durchquert
und durcheinanderbringt Um den ökonomischen Rhythmus der
Maschine zu stören, musz das Mädchen für einen
Augenblick selbst Maschine werden. Es wird zum Fahrtzeug seiner
selbst Eines rasenden Selbst, das sich in der Zukunft der eigenen
Beschleunigung erwartet, ohne sich zu kennen, ohne vertraut mil
sich zu sein. Der Körper dieser Geschwindigkeit und ihrer
vektoriellen Überspitzung ist der leichte fliegende Körper,
nicht der "bleierne" und schwerfällige (im ökonomischen
Sinn überflüssige) Körper des maschinalen Subjekts.20)
Dieser zweite Körper wird tatsächlich als Hindernis
und Störung erfahren. Der andere
Körper des Mädchens bedeutet ebenfalls eine Unterbrechung
und einen ÜberfluB. Aber diese Unterbrechung ist mehr als
einfach negativ. Sie führt sich und ihren energetischen Überschusz
über die Negation des Maschinenkörpers hinaus. Sie arbeitet
gegen die Maschine, um nach erbrachter Leistung im Schatten des
Tages weiter zu tanzen. Das Mädchen öffnet sich der
Nacht, indem es sich, nachdem es sich der Maschine entzogen hat,
diesem Entzug und seiner Verpflichtung zum asketischen Opfer zu
entziehen beginnt, indem es das Opfer selbst opfert und für
den Augenblick dieses zweiten Opfers ein affirmatives Bild der
eigenen Souveränität und Freiheit entwirft.
De
poëzie van de ingehouden beweging
Die Intervention
ist eine Art konstitutiver Drift. Sie praktiziert die Verunsicherung
der gesellschaftlichen, normativen, politischen etc. Verhältnisse,
ohne sich ihnen ausschliesslich und endgültig zu entziehen.
Sie kompliziert die Lage, indem sie ein Übermasz an Fragen
aufwirft, einen Schwarm van Antworten auf unmögliche Fragen
erfindet, neue Ebenen und Horizonte der Ratlosigkeit installiert.
Die Situation vervielfältigt sich, wird über sich hinausgerissen
und kollabiert. Man sollte die "Poesie der angehaltenen
Bewegung" (die Poesie der Verweigerung und des einfachen
nahezu indifferenten Widerstands), die Houellebecq
mit dem Mai 68 assoziiert, mit der Poesie der Beschleunigung
des anderen Mädchenkörpers in Verbindung bringen:
"Für
einige Tage hörte eine riesige und bedrückende Maschine
auf magische Weise auf, sich zu drehen. Es herrschte Unschlüssigkeit,
Ungewiszheit; ein Schwebezustand trat ein, im Land breitete sich
eine gewisse Ruhe aus. Natürlich fing die Sozialmaschine
dann wieder an, sich zu drehen -noch schneller, noch unerbittlicher
(der Mai 68 hat nur dazu gedient, mit den wenigen moralischen
Regeln zu brechen, die ihrem gefrässigen Lauf bis dahin noch
im Wege standen). Nichtsdestotrotz gab es einen Augenblick des
Stillstands, des Zögerns, einen Augenblick metaphysischer
Ungewiszheit." 21)
De
staat is bewegingsloos
maar controleert wel iedere beweging
teneinde die op te lossen onschadelijk te maken
te neutraliseren
Das
Zögern der Maschine stellt keinen Widerspruch zur Geschwindigkeit
und Beschleunigung des Mädchens dar
Es ist Ergebnis dieses neuen unregelmäszigen Tempos, das
man von der Betriebsgeschwindigkeit des sozialen Körpers
unterscheiden muB. Man kann (mit Virilio) die Aktivität des
sozio-politischen Körpers als zensorische Ausbremsung der
singulären Bewegungen definieren, als polizeiliche Transsubstantiation
der exzessiven Tempi in die gravitätische Langsamkeit des
Systems. Das System bewegt sich, es dreht und überdreht sich.
Aber der gröBte Teil dieser Bewegtheit ist stabilisatorisch,
hält es auf seinem Fleck: "Schwerkraft,Gravitas, ist
das Wegen des Staates", so wie jedes anderen Systems. "Das
bedeutet nicht, dass der Staat keine Geschwindigkeit kennt, sondern
dass er darauf angewiesen ist, dass noch die schnellste Bewegung
nicht mehr der absolute Zustand eines sich bewegenden Körpers
ist, der einen glatten Raum besetzt, sondern zum relativen Merkmal
eines 'bewegten Körpers' wird, der in einem eingekerbten
Raum von einem Punkt zum anderen geht. In diesem Sinne ist der
Staat unaufhörlich damit Jbeschäftigt, die Bewegung
aufzulösen, wieder zusammenzusetzen und zu transformieren
oder die Geschwindigkeit zu regulieren." 22)
Der Staat ist unbeweglich, sesshaft. Er kontrolliert die Bewegung,
indem er sie auflöst, verharmlost oder neutralisiert.
Es entspricht der notwendigen Ethizität von Kunst und Philosophie
sich im Verhältnis zum bewegten Körper zu überfordern,
die Strapazen einer exzessiven Verantwortlichkeit zu riskieren,
der Staatsgewalt, den Systemen der Moral, des Glaubens und des
gesunden Menschenverstandes zu misztrauen. Indem es dem Unbekannten
zuschnellt, riskiert das Mädchen-Subjekt alles. Es weigert
sich der Entschärfung seines Körpers zuzustimmen, die
Monstrosität der singulären Behauptung, die dieser Körper
notwendig darstellt, einzuschränken oder zu mortifizieren:
das Mädchen lebt, selbst wenn es als Tote oder Auferstandene
(wie J.) im Raum des getöteten Interesses für die Differenz
als solche persistiert. Sein Körper ist ein Differenz-Ereignis
van besonderer Durchschlagkraft. Man begreift nicht, dass
er für sich ein fliehender Körper, ein Projektil und
eine azephalische Unwahrscheinlichkeit ist. Virilios Unterscheidung
zwischen dem Maschinen- Menschen des Altertums, dem Relais-Menschen
des 18. Jahrhunderts und dem Projektil-Menschen des 19. Jahrhunderts
-das Mädchen wird Bombe und Sprengkörper-, lässt
sich als Historisierung der ontologischen Subjekt-Kategorie lesen.23)
Ein gewisser Zuwachs an Militanz und Aggression wird gewöhnlich
mit dem neuzeitlichen cogito und seiner "kopernikanischen
Mobilmachung" (Sloterdijk) verbunden.
Meistens, wie auch bei Virilio, überschneidet sich die Analyse
und Diagnostik des" Angriffsmenschen" mit seiner kritischen
Zurückweisung -in dieser Zurückweisung gleichen sich
die unterschiedlichsten Ansätze metaphysikkritischen Denkens:
Heidegger, Levinas, Gadamer usw. Vielleicht haben Badiou
und Zizek
am deutlichsten gezeigt, dass Verantwortlichkeit den
aggressiven Zug des modernen Subjekts, anstatt auszuschliessen,
notwendig einschliesst. Verantwortung impliziert den gewaltsamen
Gestus der Kolonisation.
Als
kunst en filosofie slechts als de herinnering van een gedachteloze
betreft moet het etische onderwerp even amoreel en gewetenloos
als een antigonistisch meisje zijn
Das Mädchen
verlangt ein Geschoss jenseits des Kopfes (ohne Suchkopf) und
des -, mit dem Prinzip des Kopfes (cephalos) verbundenen
Ze-Phallokratismus zu denken.24)
Anstatt "seinen eigenen Kopf' zu haben ader keinen, behauptet
das Mädchen die Koptlosigkeit selbst als Kopt. Diese Kopflosigkeit
ist sein Kapital! Man könnte sagen, dass zur Verantwortung,
als Bedingung ihrer Möglichkeit, eine transzendentale Koptlosigkeit
und Selbst-Beschleunigung gehört. Wenn es Kunst und Philosophie
nur als Erinnerung eines Gedächtnislosen gibt, muss das ethische
Subjekt (der Künstler ader Philosoph als Agent des ethisch-künstlerischen
Akts) für den Augenblick der Entscheidung, amoralisch und
gewissenlos wie ein antigoneisches Mädchen sein. Ethik und
Verantwortlichkeit gibt es nur Jenseits des Gewissens und der
Moral. Die politische Wahrheit der Kunst kann an dieser Stelle
mit ihrer ethischen Identität verbunden werden. Das Wesen
der Politik erfordert, weder gewissens entscheidungen zu treffen,
noch überhaupt zuzulassen.
Politik ist keine Leistung des Gewissens
Die Politizität des politischen Urteils gründet in der
Verweigerung gegenüber dem Gewissen, in einer Art bewuszten
Bewusstiosigkeit des ethischen Subjekts. An die Stelle des Gehorsams
und der Pflicht tritt die Poesie der Beschleunigung, die Unschuld
des Werdens, absolute Nicht-Erinnerung als Abenteuer der Freiheit,
das zugleich Wagnis einer neuen Verantwortung und ethischen Leidenschaft
ist.
Noten
1) Jacques
Lacan, Die Ethik der Psychoanalyse: Das Seminar Buch VII,
Weinheim/Berlin 1996, S. 361.
2) Vgl. Jacques Derrida, Das andere Kap / Die vertagte Demokratie.
Zwei Essays zu Europa, Frankfurt
a. M. 1992.
3) Alain Badiou, Manifest für die Philosophie, Wien
1997, S. 49.
4) Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne,
Frankfurt a. M. 1986, S. 270. Die Schwierigkeiten, die sich für
Habermas mit Bataille ergeben, liegen in dieser Insistenz auf
dem Heterogenen als nichtassimilierbarem und nicht zu entschärfenden
Element: "Für Horkheimer und Adorno fOhrt der mimetische
Impuls das Versprechen ei nes "Glück(s) ohne Macht"
mit sich, während
für Bataille im Heterogenen Glück und Gewalt unauflöslich
verbunden sind: Bataille feiert im
Erotischen wie im Heiligen eine "elementare GeWalttätigkeit"
(S 258). Was Zizeks Lacanianismus den harten Kern des Realen nennt
und Derridas Grammatologie die Schrift als Ur-Gewalt, gehört
hierher.
5) Jacques Lacan, Die Ethik der Psychoanalyse, a.a.O.,
S. 361f.
6) Gilles Deleuze / Claire Parnet, Dialoge, a.a.O., S.
101.
7) Slavoj Zizek, Der
erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie
des deutschen Idealismus, 2. erweitene Auflage, Wien/Berlin 1992,
S. 21.
8) Maurice Blanchot, Das Todesuneil, Frankfurt a. M. 1990,
S. 11.
9) Alenka Zupancic, Das Reale einer Illusion. Kant und
Lacan, Frankfun a. M. 2001, S. 29.
10) Zum Konflikt van Vollzähligkeit und Überzähligkeit,
der den ontologischen Konflikt van .Sein" und .Ereignis"
mathematisien: Alain Badiou, L'être et I'événement,
Paris: du SeuiI1988, S. 193ft.
11) Maurice Blanchot, Das Todesurteil, a.a.O., S. 26.
12) Ebd.,S.24.
13) Maurice Blanchot, Das Unzerstörbare, München
1991, S. 37.
14) Laure (Co lette Peignot), Geschichte eines kleinen Mädchens,
in dies., Schriften, hrsg. und übers.
von B. Mattheus, München 1980, S. 9.35, zit. S. 10.
15) Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt, Hamburg
2001, S. 75.
16) Ebd., S. 76.
17) Jacques Derrida, As if I were Dead/Als ob ich tot wäre,
Wien 2000, S. 39f.
16) Slavoj Zizek, Die Furcht vor echten Tränen, Berlin
2001, S. 282.
19) Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt, a.a.G.,
S. 77. Dass diese ästhetische Haltung ein notwendig ethisch
es Moment implizier1 (und umgekehr1), hat var allem Lacan gezeigt.
Vgl. Jacques Lacan. Die Ethik der Psychoanalyse. a.a.G.
20) Vgl. Paul Virilio. Fahren, fahren. fahren..., Berlin
1978. S. 31.
21) Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt, Hamburg
2001, S. 75f.
22) Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus,
a.a.G., S. 532. Siehe: Paul Virilio, Geschwindigkeit
und Politik, Berlin 1980.
23) Paul Virilio, Fahren, fahren, fahren..., a.a.C., S.
13f.
24) Eine Auseinandersetzung mit dem Prinzip des Kopfes, ist natürlich
auch Derridas Dekonstruktion
(vgl. beispielhaft: Jacques Derrida, Das andere Kap/ Die verlagte
Demokratie, a.a.C.), die vielleicht
wichtigste Vorarbeit zur Dekonstruktion des Kopfes die "Thesen
über den Faschismus und über den .,j;", Tod Gottes'
(1937) von Georges Bataille (vgl. ders.. Wiedergutmachung an Nietzsche,
München
1999. S. 169-180).
|