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de hoofdstukken zijn:

1) Ontologisches Kino
2) Antigone

3) Das antigoneische Subjekt
4) Jenseits der Grausamkeit?

 

 

Waarschuwing:
Deze teksten bevatten begrippen die niet algemeen toegankelijk zijn. Het is zeer waarschijnlijk dat je, zoals ik, verdwaalt.


de begeerte voorbij

de eigen begeerte
de begeerte naar eigenheid
de begeerte om de begeerte
de begeerte ik te zijn

het valt niet te verwachten dat KUNST en FILOSOFIE
zich koest houden

Vandaag niet en in de toekomst niet
Van kinderen valt ook niet te verwachten dat ze zich stil houden.
In een restaurant zullen ze zich tussen de tafels bewegen.
Men laat ze rondlopen en schreeuwen, precies zoals het ze uitkomt.


tussentaalenbeeld

 

Marcus Steinweg
Ein ontologisches Kino zur Poësie des Kapitals

 

3. Das antigoneische Subjekt

Van der Philosophie erwartet Badiou, was Antigone van sich erwartet:
das "eigene Begehren aufrechtzuerhalten", der "gegenwärtigen Welt" und der sie organisierenden kapitalistischen Moral zu widerstehen.1) Wie man weiss, hat Lacan diese Forderung zur Maxime der psychoanalytischen Ethik gemacht: "Ich behaupte, dasz es nur eines gibt, dessen man schuldig sein kann, zumindest in analytischer Perspektive, und das ist, abgelassen zu haben von seinem Begehren." 2)

Abzulassen van seinem Begehren
(céder sur son désir), das eigene Begehren, das ein Begehren nach Eigenheit oder Singularität, wenn es sie nun gibt, einschliesst, dieses Begehren zu Begehren, nach meinem nur mich in meiner Singularität aktivierenden Begehren nach mir, das Begehren ich zu sein und ich sagen zu können in Bezug auf mich, gewisserrnassen zu verdrängen, abzuweisen ader zu vernachlässigen, bedeutet aus Motiven zu handeln, die einem positiven Register des Guten entnommen sind. Es bedeutet, sich auf der Seite einer sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen und Jontologischen Überlieferung aufzuhalten, die das Begehren ausklammert, einschränkt und relativiert, indem sie das Subjekt drängt, eine vorhandene oder positive Option zu realisieren. Indem sie vam Subjekt erwartet das Erwartete zu tun, verlangt die Überlieferung den Ausschluss ader die Neutralisierung dessen, was ihren Geltungsanspruch erschüttert und destabilisiert.

Die Ethik der Psychoanalyse fordert die Unterbrechung dieser Erwartung.
Sie erwartet vam Subjekt, das System der Erwartung zu enttäuschen, etwas Neues, Unerhörtes und Überraschendes zu tun. Sie berührt das Subjekt an seiner empfindlichsten Stelle, van wo aus es sich als Subjekt im Akt seiner subjektivierung
zu verlieren riskiert. Was also ist das für ein Begehren, das die Philosophie aufrechterhält, indem es das Subjekt des Begehrens an die Grenze seiner Vermögen trägt?
Ein Begehren jedenfalls, dass eine wesentliche Belastung einschliesst, die Entschlossenheit auf einen gewissen Komfort zu verzichten, ein elementares Opfer zu bringen, urn die Ermöglichung einer politischen Absicht zu realisieren: "Es gibt Augenblicke, in denen uns etwas so sehr entzückt, das wir bereit sind, alles zu vergessen ader zu verleugnen, unser eigenes Wohlergehen und alles, was damit verbunden wird, Augenblicke, in denen wir davon überzeugt sind, dass unser Dasein Inur insofern etwas wert ist, als wir fähig sind, es zu opfern." 3)

Um Subjekt zu sein, musz das Subjekt sich als Subjekt opfern könne
Es musz ein Begehren lebendig halten, das seine Konstitution als Subjekt im Augenblick ihrer Neubestimmung auf unvorhersehbare Weise kompromittiert. Es mus Begehren dieser Lebendigkeit, Begehren des Lebens und Begehren dessen, was das Leben fordert sein. Es musz zwischen falschem und authentischem Begehren unterscheiden. Es musz dem Druck der Neutralisierung, Objektivierung, Erstickung und Reduktion seines Begehrens durch die Institutionen der Macht, der öftentlichen Meinung und ihrer kategorialen Zwänge widerstehen.
Es darf sich nicht in den Forderungen der Gesellschaft und ihrer Moral entfremden. Es überschreitet seine Zeit und es durchquert die Vergangenheit, die Geschichte im allgemeinen und das onto-imperiale System der Symbole und Signifikanten, das sie archiviert.
Es musz sich vergessen, um näher bei sich zu sein. Es ist Subjekt im Ausmasz dieser riskierten Amnesie. Akutes ader gegenwärtiges, jedenfalls prekäres, d.h. mit "sich", mit seinen Subjektivitätsprothesen, insofern sie identitäre Konstruktionen, sein "Sein" supplementiere Phantasmen und Schutzbehauptungen sind, absolut inkommensurables Subjekt. 4)

Man kann sagen, dass die psychoanalytische Ethik an ein Selbst jenseits des "Selbst', jenseits dessen, was man in der Reproduktion einer gewissen sozio-ontologischen (Selbst)Täuschung das "Selbsf' nennt, zu rühren versucht. Sie verpflichtet das Subjekt dazu, die Distanz, die es als falsches Subjekt van sich, vam authentischen Mangel, der sein Sein ausmacht, trennt, zu minirnieren. Sie verpflichtet es zu einer Unmöglichkeit, insofern sie im selben Moment die Irreduzibilität ader Absolutheit dieser Distanz erklärt. Sie fordert vam Subjekt sich mit dem Unmöglichen, das heisst mit der distanten Intensität seiner selbst zu
identifizieren.

Die Ethik des Begehrens impliziert einen Aufruf zum Vergessen,
indem sie das UnbewuSte als topologische Matrix ethischer Entscheidungen erschlieszt: Das Unbewuszte wird nicht erinnert. Es wird praktiziert. Es realisiert sich (zumindest anteilhaft) im Akt der Lossagung des Subjekts vam Gedächtnis als seiner symbolischen Norm. Sie entwirft eine neue Logik der Gedankenlosigkeit und der Flucht, die, weit entfernt davon irrational zu sein, den singulären Zukunftsplan des Subjekts urn eine neue Rationalität und eine neue Dimension des Logischen verlängert. Um authentisch im analytischen Sinn zu sein, schaftt sich das Subjekt sein eigenes, mit seinem Begehren konformes Gesetz. Anstatt eine Möglichkeit zu wählen, entscheidet es für das Unmögliche, für ein Reales jenseits der ökonomischen, politischen, historischen, sozialen, semantischen etc. Realität: "Für die Psychoanalyse besteht die Ethik darin, das Begehren in einen Abgrund, einen Zusammenbruch der Bedeutungen zu stürzen." 5)

Das Subjekt widersetzt sich der Welt der Güter und Tatsachen,
um ein eigenes Faktum zu kreieren (das heisst, im Badiouschen Sinn, eine Wahrheit hervorzubringen und ein performatives Ereignis zu produzieren). Die Ethizität des philosophischen Begehrens bewahrheitet sich im Augenblick der Überschreitung der sozio-historio-politischen Norm. Sie bringt eine eigene Ökonomie des Widerstands, der Verweigerung, der Entschlossenheit und "Iogischen Revolte" (Rimbaud) hervor.

Die Freiheit des politischen Subjekts artikuliert sich in einer unkontrollierten aber bestimmten Bewegung der Flucht.
Das Subjekt intensiviert seine privilegierte Beziehung zum Unkontrollierbaren, das als Abgrund der Freiheit seine Entschlossenheit ins Unermessliche trägt: Philosophie als politische ist Aufstand ader Revolte, Anspruch auf Allgemeinheit und kritische Distanzierung van der aktuellen Lage, d.h. der gegenwärtigen Welt und ihrem reduzierten Verständnis van Freiheit als einer im engen Sinn ökonomischen Praxis, "die an das gebunden ist, was ihr im Netz der Warenzirkulation zugedacht ist." Sie entspricht einer "Bewegung", die, wie Badiou mit Mallarmé sagt,

"immer teilweise eine Wette, eine gewagte Verpflichtung ist, eine Figur, bei der es immer zum Moment ohne Gewähr ader zum Sprung ins Unberechenbare kommt, die also eine Verpflichtung des Denkens ist und als solche immer mit einem untilgbarem Anteil an Zufall einhergeht.
Und in diesem Sinn fällt auch die Philosophie unter diese mysteriöse Maxime des Satzes, daS jedes Denken einen Würfelwurf vollführt."
6)

Obwohl Badiou die philosophische Entschlossenheit - die Entschlossenheit für die Philosophie als solche ist, für eine gewisse platonische Geste und für das moderne Subjekt -mit einer Verringerung der Geschwindigkeit des Denkens, der Restitution des Begehrens nach Kontinuität, Systematizität und Wahrheitsanspruch konnotiert, 7) sollte man die Intensität dieser geforderten Ausbremsung als Moment einer wesentlichen Beschleunigung denken, die mehr beschleunigte Verlangsamung als verlangsamte Beschleunigung ist.

Das "Denken zu verlangsamen" kann nicht bedeuten, es auf eine falsche Weise behutsam, sensibilistisch und kraftlos zu machen. Es bedeutet, die Subjektkategorie zu stärken, umzugestalten und zu redefinieren. Es verlangt von der Philosophie ihre Kräfte und ihre Wachsamkeit tür die Erfindung einer "neuen Rationalitäf' und einer "neuen Gestalt des Subjekts" zu mobilisieren. Die Philosophie musz aufhören sich selbst zu misztrauen, sie musz die Klagelieder urn ihr vermeintliches Ende und den Tod des Subjekts unterbrechen, urn im Raum dieser Unterbrechung "ihre eigene wesentliche Langsamkeif' zu "entwickeln", 8) um auf die Geschwindigkeit ader Schnelligkeit, wie Heidegger sagt, der kapitalistischen Umdrehungen (der Zirkulation der Waren und Werte) zu reagieren. 9) Sie musz sich für eine andere Geschwindigkeit als die des Kapitals entscheiden. Für einen Rhythmus, der, insofern er eine autonome Unverhältnismäszigkeit und Beschleunigung generiert, im strengen Sinn kein Rhythmus mehr ist. Eher die Unterbrechung der zirkulären Rhythmik des Geldverkehrs, der heute den Takt aller Äquivalenzsysteme beherrscht. Die Philosophie zu verlangsamen, verlangt, einen unerhörten Ton in sie einzuführen, sie auf eine neue und überraschende Weise sprechen zu lassen. Es verlangt van ihr, sich im richtigen Sinn zu beschleunigen, ja zu beunruhigen, sich gegen den rationalistischen Sicherheitsdiskurs, den liberalen Optimismus, die "Dummheit des Religiösen" (Badiou), die szientistische Vulgata und ihre mystische ZurOckweisung gleichermaBen aufzubringen. Damit es weiterhin eine Chance, damit es Fluchtlinien, Perspektiven und Alternativen zur Welt des Guten gibt. Damit Verantwortung möglich ist, in einer Situation, die man überstürzt mit dem Ende der Geschichte, mit dem globalen Erfolg des ökonomischen Uberalismus und des westlichen Demokratiekonzepts, assoziiert. Eine Assoziation, die umso fataler ist, als dass sie
einen Aufruf zur Untätigkeit einschlieBt, indem sie das Subjekt mit der quietistischen Verwaltung des gegenwärtigen Zustands betreut, anstatt es als Subjekt, das heisst als seinen Status als Mitglied oder Bürger der aktuellen ökonomischen, nationalen und globalen Ordnung radikal überschreitende politische Entität zu respektieren.

Was macht Antigone am Leichnam ihres Bruders, in dem Moment, als ein gewaltiger Wind aufkommt, die Ebene verdunkelt und den Himmel verhängt?
Was treibt ein verrückt spielendes Kind im Augenblick der Katastrophe?
Es verändert seine Stimme und gibt Laute von sich, die von einem Vogel stammen könnten.
Es ist zum Vogel geworden, um einen Toten zu beweinen.
Ein klagender Muttervogel, der weiterhin ein junges Mädchen ist.


Wir können uns Philosophie nicht anders als diesen nackten Vogel vorstellen, der zu Gewalt und Liebe gleichermaszen fähig ist.
Was erzählt das deleuzianische Denken der Immanenz von der Philosophie und ihrem Verhältnis zu den Mädchen, die umherfliegende Vögel sind? Es sagt, dass jede philosophische Bewegung und jede künstlerische Behauptung ein solches Ereignis der Zerreissung und Selbstzerreissung darstellt.
Anstatt Kommunikation, Reflexion oder Kontemplation zu sein,10) ist Denken antigoneisch in diesem grundsätzlichen Sinn.
Antigone treibt es an seine Grenze und über diese Grenze hinaus.
Das ist die tragödische Áte: "die Grenze, die vorn rnenschlichen Leben nicht zu lange überschritten werden kann." Vor allern nicht, ohne dass sich etwas verändert, dass alles sich ändert, dass mit Antigone und jedem, der mil ihr in. Berührung kommt, etwas passiert.
Denn, die "Grenze", sagt Lacan, "an der wir hier " sind, ist eben die, an der die Möglichkeit der Metamorphose anzusiedeln ist, die, im Werk Ovids verborgen und durch die Jahrhunderte getragen, alle ihre Kraft und Virulenz an dieser Wende der europäischen Sensibilität wiedergewinnt, die die Renaissance ist, urn dann im Theater Shakespeares zu zerbersten." 11)

Das Subjekt dieser Grenze, das antigoneische Subjekt, ist metarnorphotisch.
Ein Subjekt der Verwandlung und unaufhörlichen Turbulenz. Ein allerlei Anornalien ausgesetztes Subjekt, dessen Stärke in einern Frau-Werden liegt, das gegenüber den Forderungen der gesellschaftlichen Meinung Ruhe bewahrt. Eine unwiderstehliche Gleichgültigkeit beherrscht dieses Mädchen, das, anstatt sich den bekannten
Postulaten und unausgesprochenen Erlassen zu unterwerfen, sein singuläres Gesetz hervorbringt, urn sich dem eigenen Begehren zu opfern, das auch eine Art von Kriegserklärung ist.

Die Philosophie setzt sich der Lust dieser kriegerischen Stirnrne aus, urn selbst kriegerisch zu sein, gewaltsam und liebend, wie man es van ihr erwarten kann. Es scheint unmöglich, der Versuchung nicht nachzugeben, die dieses junge Mädchen darstellt. Eine Versuchung, die darin liegt, sich von ihm in ein Mädchen-Werden reiszen zu lassen, das ein Tier-Werden und Kind-Werden einschlieszt, das Ereignis
einer unbeherrschten und in jedem Fall verstörenden Sensation. Keine Philosophie existiert, die nicht auf der Wahrheit dieser schwindligen Liebe gründet. Auf einem Liebesakt, der zugleich besitzergreifend und fordernd, aggressiv und hingebungsvoll ist. Anstatt das Wegen der Philosophie in der zärtlichen Annäherung an den geliebten Gegenstand zu suchen, könnte es in dieser schnellen, ruckartigen und unnachgiebigen Besitzergreifung liegen.
Man hat Plato für die Gewalt und für die Behutsamkeit der philosophischen Liebe gleichermaBen verantwortlich gemacht.12)

Das junge Mädchen ist auf der Flucht,
wie Deleuze und Guattari sagen. Es sucht sich seine Waffe.13) Man wird sich ihm nicht in den Weg stellen, ohne van ihm mitgerissen zu werden. Das Denken verliert seine Unschuld an ein Kind, das es zuletzt selbst ist. Auszerhalb des Schutzraums der symbolischen Ordnung gibt es sich der gedankenlosen Liebe zum eigenen Werden hin. Diese Liebe lässt es vergessen, was es wusste, und macht es blind für die Ökonomie der Zwecke und des Profits. Es ist reine Liebesbewegung ader reines Werden, van dem man dennoch zögern sollte zu sagen, dass es vollkommen unschuldig ist. Die "Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedächtnis" 14) wäre, anstatt allgemeine Indifferenz zu sein, Voraussetzung der Infragestellung der überlieferten Moralismen und der van ihnen geprägten Norm.
Die Ethizität des fliehenden Mädchens ist unzweifelhaft an das Moment der Durchquerung der ethischen Systeme gebunden, der Regulative des Offenbarungsglaubens und der Dispositive der Macht. Indem es die Erinnerung hinter sich lässt, verliert es auch seine Zukunft und bildet in dieser Verlassenheit die Kriterien einer verantwortlichen Leidenschaft aug, um sich am Ende dieser Bewegung in einer tieferen Gleichgültigkeit zu zerstreuen: "Das Unwahrnehmbare ist das immanente Ziel des Werdens, seine kosmische Formel." Die Ethik der Immanenz versammelt diesen zurückhaltenden Kanon dreier Tugenden: "unwahrnehmbar', "ununterscheidbar" und "unpersönlich" zu sein.15)

Man wird van Kunst und Philosophie nicht erwarten, dass sie schweigen. Heute nicht, in Zukunft nicht.

Man erwartet van Kindern nicht, dass sie still halten, im Restaurant zwischen den Tischen oder anderswo.
Man lässt sie umherlaufen und kreisen, wie es ihnen gefällt.


Es gibt Leidenschaften, die sich weder stoppen, noch nur unterbrechen lassen. Aggressive oder kindliche Leidenschaften, die eine wesentliche Gleichgültigkeit transportieren.
Am Anfang der Liebe und am Anfang jeder Verantwortung findet sich eine dunkie Stelle, die die Liebe an ei ne ursprüngliche Langeweile bindet, die sie blind sein lässt, indem sie den Gerechtigkeitssinn ins Unermessliche zieht. Wer genau hinsieht weiss, dass Eltern van ihren Kindern erzogen werden, dass man unerzogen sein muss, um erzieherisch effizient zu sein.

Man erwartet Kunst und Philosophie eine Unterbrechung,
einen Schnitt ader Einschnitt in das Gewebe der ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse. Die Arbeit, die sich der Verantwortung angesichts und innerhalb dieses Gewebes nicht entzieht, muss eine Intervention darstellen. Sie ist zur Gewaltanwendung gegenüber dieser selbst gewaltsamen Textur aufgerufen, die heute über Bedeutung und Bedeutungslosigkeit entscheidet, zur Unterbrechung des "herrschenden Systems", des hegemonialen Archivs und der dominanten Gedächtnisnorm, die es verwaltet, indem es sie gegen alle Widerstände in Schutz nimmt und in allen ökonomischen Registern stabilisiert.

Man könnte, indem man die erforderlichen Vorsichtsmasznahmen vernachlässigt, indem man also ungeduldig ist, diese Gewaltanwendung als einen Akt der Überstürzung und der Ungeduld gegenüber der Geduld und sich selbst generierenden Stabilität dieser umfassenden Struktur ader Matrix interpretieren. Und obwohl dieser ungeduldige Eingriff, die Ungeduld selbst und die vielleicht gleichermaBen absichernde wie vorausgreifende Voreiligkeit,16) die sich damit verbindet, unerlässlich ist, ist es notwendig, die Intervention, obwohl sie ein Akt der Überstürzung sein muss, der UnregelmäBigkeit und Vergesslichkeit als ein Produkt der Matrix selbst anzuerkennen.

Die Intervention präzisiert die Matrix, indem sie sie gewissermaszen van innen, wenn man so sagen kann, justiert, neu einstellt ader programmiert. Dieses Programm, seine Artikulation und Effizienz, bedeutet in seinen entwickelsten Momenten eine Art doppelter Beschleunigung des Systems. Doppelt deshalb, weil es das System zwingt, gegen sich über sich hinaus zu beschleunigen, und weil es diesen Exzess mit einer weiteren Übertreibung verbindet, die man den Exzess des Stillstands ader der absoluten Verlangsamung nennen kann. Erst dieser weiter gefasst~ Begriff van Beschleunigung, der den Hyperbolismus (den Exzess) der Beschleunigung mit dem Hyperbolismus der Verzögerung kooperieren lässt, kann ein wenigstens provisorisches Kriterium der Intervention liefern. Erst van hier aus zeichnet sich so etwas wie eine Kontur ab eines tatsächlichen Konflikts.

Dieser Konflikt markiert den Ort des Aufeinandertreffens der beiden Exzesse, die Stelle, an der die "unendliche Langsamkeit der Erwartung" mit der "unendlichen Schnelligkeit des Ergebnisses", das heiBt der Unterbrechung ader Störung dieser Erwartung, zusammenstöBt. Es ist, wie Deleuze und Guattari im Zusammenhang mit Kierkegaard sagen: dass "es keine Bewegung gibt, die nicht unendlich ist, dass die Bewegung des Unendlichen nur durch Affekt, Leidenschaft, Liebe geschieht, in einem Werden, das ein junges Mädchen ist [...]."17)

Die Kunst ist ein Name für dieses junge Mädchen, das den Konflikt zweier Bewegungen in sich trägt.
Es "wird nicht durch Jungfräulichkeit definiert, sondern durch ein Verhältnis van Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit, [...]. Es ist eine abstrakte Linie ader Fluchtlinie."18) Es kann die Erwartungen, die man ihm entgegenbringt, nur enttäuschen. Es beantwortet keine Fragen. Es ist eine allzu flinke, eine allzu bewegliche ader quirlige Enttäuschung der Moral.
Um Mädchen zu sein, passt es sich nicht an, sprengt es den Erwartungshorizont der ihm entgegengebrachten Erwartung, urn die Singularität einer blinden Verantwortlichkeit auszubilden, die "absolute Ungeduld eines Wunsches nach Gedächtnis", wie Derrida einmal sagt.19)

Das Mädchen begehrt, anstatt den Schutz und die Anerkennung des Systems zu begehren, eine Art beschleunigtes System.

Es begehrt eine Art van Riss ader van Erzitterung, das Beben des Archivs und der van ihm verwalteten Signifikanten, die Veränderung und allgemeine Mobilisierung des sozialen Körpers usw., indem es auf der Linie eines sinnlosen Begehrens dem Begehren des Sinns nachgibt und einer Verantwortlichkeit entgegenfliegt, deren Kriteriologie noch erfunden werden muss. Es fliegt vor- und rücksichtslos, urn so etwas wie Subjektivität auszubilden und eine Art singulärer Identität zu produzieren. Und obwohl diese Produktion informationsgebunden und gesellschaftsbestimmt ist, erschöpft sie sich weder in der
Ausschöpfung der Determinanten noch in der einfachen Überschreitung der etablierten Norm. Eine tiefere Gleichgültigkeit schützt das Mädchen davor, sich in der Logik der Überschreitung einzuschlieBen, das heiBt im perversen Akt des Verbrechens Selbstberuhigung zu suchen ader sadistisches Glück. Seine
hysterische Disposition (das Subjekt als Subjekt ist hysterisch 20) treibt es immer ein Stück weit über die Perversion hinaus.
Es produziert einen Überschuss an Freiheit, der, auch wenn er minimal erscheint, eine Unendlichkeitszone einrichtet und eine Art Wahrheitsbegriff generiert.

Man musz eine Ethik der Gleichgültigkeit zur Vorraussetzung der Ethizität als solcher machen.
"Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedächtnis" mei nt nicht nur, den Augenblick zu benennen, in dem die Negation der Moral mrt ihrer eigenen Negation zusammenfällt (Negation der Negation). Es bedeutet zunächst, dass dieses Ereignis in einem unbekannten Maszstab exzessiv und seine Realisation nur als Leistung einer absoluten Gedächtnis- und Gedankenlosigkeit möglich ist.
Es bedeutet, die Kunst -und jede verantwortliche Position -mil einem unvernünftigen und rücksichtslosen Mädchen in Verbindung zu bringen. Es bedeutet den Kontakt mit einer antigoneischen Göre zu riskieren, ein Berührtsein, das nur, wie jede Erfahrung, als Gewalterfahrung möglich ist. Sodass man gezwungen ist, die Ethik des fliehenden Mädchens, der Vergesslichkeit ader der absoluten Ungeduld als eine Ethik der Gewalt zu deklarieren.21)
Eine Ethik also, die noch etwas riskiert, für die sich noch nicht alles entschieden hat: formale Ethik (im Sinn eines lacanianischen Kantianismus), Ethik des Werdens oder Liebesethik in dem unsentimentalen Sinn, in dem Bataille "Wuthering Heights" die vielleicht "schönste, die am tiefsten gewaltsame aller Liebesgeschichten" nennt.22)

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedächtnis ist ein Akt der Gewalt.
Einer blinden, unerträglichen, nicht intentionalen Gewalt. Sie verlieft das Kriterium der ZweckmäBigkeit, für diese ebenso minimale wie unendliche Zeitspanne, die der Augenblick der Entscheidung als Augenblick des Wahnsinns ist, wie Kierkegaard sagt. Sie erinnert daran, dass es ein Jenseits des Gedächtnisses, der sozio- politischen Archive und Syteme gibt, dass, wie Zizek im Zusammenhang mrt Fichte und Schelling feststellt, "der unbedingte / absolute Akt des SelbstbewuBtseins selbst unbewuszt sein musz" 23),
dass es vielleicht keine Kunst und keine Liebe ohne eine gewisse Freizügigkeit gibt, die, obwohl sie nicht Schamlosigkeit ist, ein obszönes Gleiten zwischen Erlaubtem und Nichterlaubtem bedeutet, eine exzessive Indifferenz als Bedingung der Möglichkeit des Gedächtnisses und sogar von Schuld. Alles verdichtet sich für Deleuze/Guattari und Lacan (in seinem Ethik-Seminar van 1959/60) im Bild dieses hüpfenden Mädchens, das am Rand der Bedeutungslosigkeit schlendert, am Rand der Null-Linie ader Nullebene, urn schlieszlich etwas Aqsolutes zu tun.

Man kann vom Mädchen sagen, was Bataille van der Menschheit im Ailgemeinen sagt,
dass sie "überhaupt nicht anders existieren zu können" scheint "als am Rande des Schreckens", dass seine Erfindungen, sein Protest, seine Wut, sofern sie dem Entsetzen entstammen, eine Art van Selbstzerreissung bedeutenl in der es "seine Seele verliert" (Artaud), dass die Faszination eines Lebens, dass sich "der Zerstörung der etablierten Autorität widmet" ein unauslöschliches Bild des souveränen bzw. revolutionären Subjekts zeichnet, dessenWürde mit seinem Status als Subjekt verbunden ist. 24)

Heimgesucht vam eigenen Begehren, van der Gewalt einer unverzichtbaren Forderung an sich selbst, betritt die Kunst als junges Mädchen einen Raum, den es (noch) nicht gibt. Sie erfindet eine neue Ebene und gründet ihr eigenes Gesetz. Sie kommt van Nirgendwo, aus dem Nichts (ex nihilo), urn sich im Nirgendwo niederzulassen. Denn den Raum, den sie hinter sich lässt, indem sie ihn für den Augenblick des Wechsels ader der Passage, und nur für diesen Augenblick, verlässt, ist ein stummer Raum, in den keine Stimme zurückfällt und aus dem kein Echo mehr dringt. Für diesen einen prekären Moment ist das Mädchen ohne Geschichte. Es hat den Rücken frei und einen nahezu unverstellten Blick. Einen Blick ohne Blickfeld, der sich im Leeren wie in einem Abgrund verliert. Die Orientierungslosigkeit des Mädchens entspricht der van Derrida hervorgehobenen Logik der ilUnmöglichkeit einer Duldung der gründenden Instanz": Die "Stiftung ader Gründung kann nicht selber noch gegründet sein. Sie waltet über einem lautlosen Abgrund; und das Wissen darum kann nicht geduldet werden. Ein Wissen, das im übrigen per definitionem kaïn Wissen ist." 25)

Sodass das Mädchen verleugnet wird, die Gewalt und die Vergesslichkeit, die sich mit ihm verbindet, das leise Knacksen des Systems. Weshalb auch die Unterscheidung zwischen der unbemerkt gebliebenen Erosion und der radikalen Zäsur ("Lieber ein unmerklicher Bruch als ein signifikanter Einschnitf', sagen Deleuze und Guattari26) zumindest missverständlich ist. Der signifikante Einschnitt istj bevor er offizialisiert und schon ein Stück unschädlich gemacht wird ein notwendig unmerklicher, gedächtnisloser Bruch. Er ist ein weiterer Name für die Spur eines Ereignisses, das eine Architektur (ein Ideen- ader Staatssystem usw.) lautlos gegen sich selbst arbeiten lässt und die im Augenblick ihrer Identifikation und Lokalisierung bereits verschwunden ist. Auf dieser Spur der Zersetzung hält sich die eigentliche ethisch-künstlerische Intervention.
Der Riss, diese feine, schwer wiegende Verletzung, in der sich die Logik des ursprünglich verschwundenen Ursprungs ankündigt, das Paradoxon, "das darin besteht, dass die Begründung des Gesetzes -dass das Gesetz des Gesetzes, die Einrichtung einer Einrichtung, der Ursprung der Kanstitutian -ein 'perfarmatives' Ereignis ist, das nicht dem durch es begründeten, eröffneten ader gerechtfertigten Ganzen zugehören kann" 27), bestätigt die "tiefe Identität van Justiz, Verlangen und junger Frau ader Mädchen", wie sie Deleuze und Guattari in den Erzählungen und Romanen Kafkas bestätigt finden. Das Mädchen, anstatt nur opponent zu sein, insistiert als verdrängter Erreger des juridischen Systems. Es zerbricht eine Ordnung nur, urn ihr eine weitere Ordnung folgen zu lassen. Es repräsentiert nichts als die Gewalt der Setzung von GesetzmäBigkeit im Allgemeinen. Es bleibt vor dem Gesetz und abseits der Ordnung, ihr äuBerlich, von ihr ausgeschlossen, insofern es ihre auBerordentliche Ermöglichung riskiert. Das Gesetz will mit dem Mädchen nichts zu tun haben, obwohl es sich ihm verdankt. "Die Rolle der Mädchen oder jungen Frauen gelangt zum Höhepunkt, wenn sie ein Segment zerbrechen, aufreiBen, wenn sie das soziale Feld, in dem das Segment sich befindet, gleichsam aufsprengen oder leckschlagen, sodass es ausläuft."28)

Man könnte von hier aus den Versuch einer Engführung der Logik des Ursprungssupplements (Derrida) mit dem Lacanianismus des" verschwindenden Vermittlers" (Zizek) wagen. Das Mädchen traut sich an den Punkt der nabsoluten Nicht-Erinnerung". Dorthin, wo es, wie Derrida sagt, nur noch Asche gibt: "Zerstörung der Erinnerung", "absolut radikales Vergessen".29)

Die Bewegung, die sich mit ihm verbindet ist der Exzess.
Ein komplizierter Exzess und eine verwirrende Freizügigkeit, der seine Situation und die Situation aller, die mit ihm zu tun haben, mit einer gewissen UnmäBigkeit und Fragwürdigkeit belasten, der man sich den noch nicht entzieht.


1) Vgl. Alain Badiou, Die gegenwär1ige Welt und das Begehren der Philosophie, in: A. Badiou, J. Rancière, Rado Riha, Jelica Sumic, Politik der Wahrheit, Wien 1997, S. 25.
2) Jacques Lacan, Das Seminar Buch VII: Die Ethik der Psychoanalyse, Weinheim/Berlin 1996, S. 380.
3) Alenka Zupancic, Die Logik des Erhabenen, in: Mladen Dolar u.a., Kant und das UnbewuBte, Wien 1994, S. 33f.
4) Vgl. Slavoj Zizek, Die Pest der Phantasmen, Wien 1999, (zweite Auflage), S. 182 (Anm. 5).
5) Alain Badiou, Lacans Herausforderung der Philosophie, in: Politik der Wahrheit, a.a.O., S. 49.
6) Alain Badiou, Die gegenwärtige Welt und das Begehren der Philosophie, in: Politik der Wahrheit. a.a.O., S. 9ff.
7) Unsere Welt ist von Geschwindigkeit und Inkohärenz geprägt. Die Philosophie muB das sein, was uns gestattet, diese Geschwindigkeit oder diese Inkohärenz zu unterbrechen oder in sie einzuschneiden und zu sagen, daB dieses gut sei und jenes nicht -und die Zeit, zu der wir dies sagen müssen, bricht immer an." (Alain Badiou, Die gegenwärtige Welt und das Begehren der Philosophie, a.a.O., S. 23).
6) Ebd., S. 24.
9) Man wird von Heidegger kein Lob der Geschwindigkeit erwarten. In den auch zeitdiagnostischen Analysen der Beiträge zur Philosophie [1936-38] wird die "Schnelligkeit" neben der "Berechnung" und dem "Aufbruch des Massenhaften" als eine aktuelle Gestalt der Seinsverlassenheit aufgeführt. Siehe: Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie. (Vom Ereignis), Gesamtausgabe Bd. 65, Frankfurt a. M. 1989, S. 120ft.
10) Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, Was ist Philosophie?, Frankfurt a. M. 2000.
11) Jacques Lacan, Das Seminar Buch VII: Die Ethik der Psychoanalyse, a.a.O, S. 316ft.
12) Was man piatos (Joppelsinn nennen kann, wîederholt sich im Konflikt des hermeneutischen Platonismus Gadamers, der sich sus der Kritik am Beherrschungsgestus des neuzeîtlichen Rationalismus entwickelt, mil der Fortsetzung der Moderne im Namen z. B. einer Ethik der Militanz (BadiöU, Zizek).
13) Vgl. Gilles DeleuzelClaire Parnet, Dialoge, Frankfurt a. M. 1980, S. 147.
14) Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 377.
15) Ebd., S. 38Of.
16) Zur Unterscheidung van Vorgriff (Präzipation) und Versicherung (Antizipation): Jacques Derrida, Aufzeichnungen eines Blinden. Das Selbstporträt und andere Ruinen, München 1997, insb. S. 12.
17) Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus, a.a.G., S. 3821.
18) Ebd., S. 377.
19) Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben, Berlin 1997, S. 4.
20) Vgl. Slavoj Zizek, The Sublime Object of Ideology, London/New Vork: Verso 1989.
21) Die Ethik der GewaJt formuliert kein Plädoyer für Gewalt. Sie weigert sich schlicht eine gewisse Irreduzibilität von Gewalt zu leugnen. In den Worten Balibars: "In short, there is no non-violence. We should bear this in mind, I think, as we struggle against every form of violence." (Étienne Balibar, "Violence, idéalité et cruauté", in ders., La crainte des masses. Politique et philosophie avant et après Marx, Éditions Galilée, Parig 1997; zit. Renata Salecl (Ed.), The Ethics of Violence, New Formations no 35, autumn 1998, S. 18).
22) Georges Bataille, Die Uteratur und das Böse, München 1987, S. 14.
23) Slavoj Zizek, Nicht "Die Illusion des Realen", sondern..., Vorwort zu: Alenka Zupancic, Das Reale einer Illusion, Frankfurt a. M. 2001, S. 8.
24) Georges Bataille, Der Begriff der Verausgabung, in ders., Die Aufhebung der Ökonomie, München 2001, S. 11.
25) Jacques Derrida, Heideggers Ohr. Philopolemologie (Geschlecht 1\1), in ders., Politik der Freundschaft, Frankfurt a. M. 2000, S. 488.
26) Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus, a.a.O., S. 40.
27) Jacques Derrida, Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der 'Religion' an den Grenzen der bioBen Vernunft, in: Jacques Derrida/Gianni Vattimo, Die Religion, Frankfurt a. M. 2001, S. 33.
28) Gilles Deleuze/Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt a. M. 1976, S. 88.
29) Jacques Derrida, "Es gibt nicht den Narzissmus". (Autobiophotographien), in ders., Auslassungspunkte, Wien 1998, S. 222

 

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